Seid Ihr schon mal geflogen? Wahrscheinlich nicht. Hier im Flugzeug ist es dunkel und kalt. Die Menschenfrau, die mich zum Flughafen gebracht hat, ist verschwunden. Ich sitze in meiner Box, und zum Glück habe ich Youcard an meiner Seite. Erst war ich ja gar nicht glücklich, als er in meine Reisebox reinplatzte. Jetzt aber doch!

Ich habe keine Lust und ich habe Angst.
Gerade noch habe ich geschlafen. Und geträumt von grünen Wiesen und bunten Schmetterlingen. Im Traum bin ich ihnen hinterhergeflogen. So hoch wie sie und fast habe ich einen berührt. Dann bin ich aufgewacht. Hier ist es ganz fürchterlich. Das Ding, das die Menschen Flugzeug nennen, ist immer noch unterwegs. Ich habe gar keine Lust mehr auf das Gefliege. Weil mir ist es jetzt echt kalt und ich habe Angst.
Youcard liegt am anderen Ende der Box. Ist er wach? Youcard, hörst Du mich, flüstere ich. Keine Antwort. Youcard? Etwas lauter. Keine Reaktion. Atmet er noch? Hier drin ist es so laut, das Flugzeug lärmt, ich höre keine Atmung.
Langsam, ganz langsam schiebe ich mich nach vorne in Richtung Youcard. Millimeter um Millimeter, bis ich bei ihm bin. Youcard? Er gibt einen Laut von sich, den ich als zustimmendes Grunzen interpretiere. Der Kerl lebt, das ist gut. Vorsichtig kuschle ich mich an ihn. Besonders toll ist das nicht. Ein geschorener Pudel ist wie ein Schaf frisch aus der Schur. Da geht nicht viel!
Aber ich brauche Wärme, denn ich zittere schon.
Ganz eng schmiege ich mich an Youcard. Der scheint gar nichts dagegen zu haben. Ihm ist so kalt wie mir, und gegenseitig versuchen wir uns zu wärmen. Hoffentlich werde ich nicht krank! Die Menschenfrau in Pinyin hat keine Medizin eingepackt, obwohl ich Ihr das gebellt habe. Ohne Medizin verreisen, das geht gar nicht.
Denn ob es in Fǎlánkèfú Guójì Jīchǎng eine Apotheke gibt? Die Europäer, so erzählt man, sollen ja sehr rückständig sein. Ich mache mir Sorgen.
Jetzt ist Youcard wach. Ob ich ihn nach Medizin frage? Oder nach Essen? Denn Hunger habe ich auch. Der Flug dauert schon Stunden.
Youcard, wie ist es mit dem Essen in Deutschland?
Das Essen ist klasse!
Ein bisschen merkwürdig, vielleicht. Aber es gibt immer saftigen Schweinebraten, Klöße und dazu Paulaner Weißbier. Und das gleich literweise in großen Krügen. Jeden Tag, etwas anderes haben die nicht.
Schweinebraten? Knödel? Paulaner? Youcard, was erzählst Du da?

Ja, und dann packt Youcard aus. Erzählt von seinem Leben im Paulaner Brauhaus an der Binjiang Dadao in Pudong. Von der wunderschönen Flusspromenade und den deutschen Stammtischen. Vom Oktoberfest, wenn alle so komische Kleider tragen und merkwürdige Musik spielen. Und von dem deutschen Schweinebraten und den leckeren Klößen. Die es immer und zu jeder Zeit ohne Ende gibt.
Deutschland muss ein tolles Land sein, Youcard?
Ja, aber dann wird er traurig. Denn an einem schlimmen Tag endete das Leben in Binjiang, und er kam in das Haus mit den vielen Hunden.
Youcard, weinst Du jetzt?
Der Kerl weint tatsächlich. Ein großer, stattlicher, wenn auch geschorener Pudel. Ich fasse es nicht.
Bevor ich was Nettes sagen kann, um ihn aufzuheitern, fängt das Flugzeug an zu rumpeln. Es schüttelt uns kräftig durch, dann rollt es nur noch. Endlich ist es ruhig. Das Ding steht. Ich glaube, wir sind in Fǎlánkèfú Guójì Jīchǎng gelandet.
